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Warum Sacred Harp?

Auf die Frage, warum es gerade diese Musik sein muss, wird wahrscheinlich jeder, der sich dafür begeistert, seine eigene Antwort finden.

Ich bin wohl ein bisschen primitiv, denn es sind die minimalistischen, manchmal rauhen und schrägen Klänge, die mir Gänsehaut machen. Das geht in Richtung Einfachheit bis "herunter" zu Tony Conrad... aber keine Angst, derart "schwierig für die Ohren" ist Sacred Harp nicht.

Im Gegenteil; vielleicht vereint diese Musik das Beste beider Welten. Sie ist zugänglich, aber nicht langweilig. Die Melodien sind einfach, bodenständig, "folkig"... aber wenn vier von ihnen parallel gesungen werden, sich vereinen, sich in Harmonien kreuzen, in Dissonanzen kollidieren... wenn eine ganze "Meute" Sänger dabei richtig Gas gibt, wenn die Luft vibriert, dass man das Gefühl hat, auf dem Klangteppich laufen zu können... ihr merkt schon, es geht mit mir durch. Und tatsächlich fehlen mir die Worte, es so zu beschreiben, wie es sich anfühlt.

Nicht immer, und nicht überall. Unsere Bremer Gruppe ist klein; wir sind froh, wenn wir 12 Sänger beisammen haben. Manchmal ist eine der vier Stimmen dünn besetzt, und wenn wir ein Lied singen, das für alle neu ist, dann "scheppert" es kräftig. Gelegentlich geht auch ein Lied völlig in die Hose.

Aber das macht nichts. Wir lassen es einfach liegen und singen es eine Woche später nochmal; auf wundersame Weise klappt es dann meistens. Uns jagt nichts. Wir proben nicht, weil wir nie auftreten. Wir singen nur für uns, aus purer Freude daran. Wenn einer von uns mal völlig daneben liegt, dann ist die Reaktion der anderen schlimmstenfalls ein Grinsen; ein verständnisvolles Grinsen, denn es passiert jedem, wir alle fallen immer wieder "auf die Klappe". Einen Chorleiter, der uns dafür zusammenfaltet, haben wir nicht. Wollen wir auch nicht, denn wir sind kein Chor.

Es gibt aber auch Momente, magische Momente, da stimmt die Mischung. Niemand weiß warum, aber an solchen Abenden pushen wir uns anscheinend gegenseitig. Die Stimmung ist locker, ein Lied nach dem anderen wird aufgerufen. "Fünfsechsvier!" Schnelles Blättern, einstimmen, los geht's. Die Tenöre krähen, die Trebles jubilieren, die Bässe poltern, der Alt "sägt" dazwischen... und die Gänsehaut ist garantiert. Der Endorphinspiegel auch; wir alle gehen glücklich nach Hause und freuen uns auf das nächste Mal.

Bei größeren Singings, wenn wir uns mit anderen Sängern aus Deutschland, Irland, England, Polen, USA treffen, bleibt mir manchmal buchstäblich die Spucke weg. Der Klang ist so dicht, so überwältigend, dass ich einen Kloß im Hals habe; dann kommen mir die Tränen. Ich sage das ohne Scham und bedaure jeden, der es noch nicht erlebt hat.