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Religion

Ein heißes Eisen; ein wiederkehrendes Thema.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen – ich bin Naturalist. Das heißt, ich glaube nicht an Götter, Geister, Dämonen oder ein Jenseits, in dem wir eines Tages alle landen, sei es nun kuschlig oder schweflig.

Wie ich trotzdem derart religiöse Lieder singen kann? Genauso, wie ich mit viel Vergnügen Homer lese, ohne dabei an Zeus zu glauben. Nur dass das Erlebnis beim Singen um Größenordnungen intensiver ist. Ich kann gut verstehen, wenn christliche Sänger sich dabei Gott nahe fühlen.

Unsere Gruppe besteht, so weit ich weiß, überwiegend aus Ungläubigen; wir beten nicht, und es spricht auch niemand über religiöse Gefühle. Aber bei so manchem Lied macht sich doch eine gehörige Ergriffenheit in der Runde breit... und die meisten von uns scheinen die urchristlich-fundamentalistischen Texte mit ihren starken Bildern wirklich zu mögen.

Ich jedenfalls mag sie sehr:

Death, ’tis a melancholy day
To those who have no God,
When the poor soul is forced away,
To seek her last abode.
In vain to heav’n she lifts her eyes,
For guilt, a heavy chain,
Still drags her downward from the skies
To darkness, fire, and pain.

Oder:

Death, like an overflowing stream,
Sweeps us away; our life’s a dream,
An empty tale, a morning flow’r,
Cut down and withered in an hour.

Das ist ehrlich, unmissverständlich, kein "Wischiwaschi". Es erlaubt keine Ausflüchte; es lässt auch (oder gerade?) mich Atheisten nicht kalt. Wer spricht im Alltag schon über den Tod? Lieber verdrängen wir das Thema. Die Texte in der Sacred Harp lassen das nicht zu, sie hauen uns die ungeschminkte Wahrheit (zumindest, was die Endlichkeit unseres Lebens betrifft) um die Ohren.

Und das soll Spaß machen, sowas zu singen?

Ja. Singen hat etwas mit Selbstoffenbarung zu tun. Wer vor anderen Leuten die eigene Stimme hören lässt, zeigt sich von seiner verwundbaren Seite... und in einer Runde wie unserer macht er dabei die Erfahrung, dass diese Verwundbarkeit nicht ausgenutzt wird. Gerade das Offenlegen der eigenen Schwächen verleiht Stärke. Vielleicht sogar die Stärke, den Tatsachen des Lebens mutig ins Auge zu sehen. Religiöse Menschen würden jetzt eventuell Jesus zitieren; das tue ich nicht. Aber vielleicht gibt es doch eine gewisse Übereinstimmung in dem, was wir meinen.

Auf größeren internationalen Singings wird durchaus zwischendurch gebetet. Ich halte dann die Klappe, höre zu und respektiere, dass das Gebet Sängern links und rechts von mir viel bedeutet. Sie zwingen mir nichts auf, sie dulden mich Ungläubigen herzlich und freundlich in ihrer Mitte. "Toleranz" ist hier wohl das Zauberwort.