Luhmann

(Liebe Sänger, nicht wundern; das folgende ist eine Notlösung für eine Korrespondenz anderswo. Versucht nicht, es zu singen, das Versmaß taugt nichts.)


Ich will nicht in deine Debatte mit M. grätschen, also nur ein Intermezzo. Da du Luhmann erwähnst, sei hier meine Begegnung mit einem Text von ihm aus der Schublade gezerrt, in dem er mal "technisch" werden wollte. In der Tat legt er darin Komplexität an den Tag, allerdings teils an völlig falschen Stellen, die seltsam "aufgeplustert" wirken. Ich vermute, er hatte technische Fachliteratur gelesen und dann "interpretiert". Das ist gründlich in die Hose gegangen. Unten ein Auszug aus einer Korrespondenz mit einem Freund vor sieben Jahren. Die kursiven Absätze sind O-Ton Luhmann, die anderen von mir. Auf geht's.

Lieber [...],

danke für die Luhmann-Texte. Ich habe nur einen durchgeflöht, den mit der "Politischen Steuerung", und aus der engen Perspektive des Technikers gelesen. Das Fazit sei vorweggenommen: meines Erachtens hat er sich bei der technischen Systemtheorie begrifflich bedient, ohne sie wirklich verstanden zu haben, verallgemeinert unzulässig und zieht deshalb absurde Schlüsse. Im übrigen lässt er seiner Assoziationsfähigkeit einen etwas zu freien Lauf. Diese Aussagen gelten aber nur in dem Rahmen, in dem ich seinen Text überhaupt verstanden habe. Es folgen einige Zitate mit Anmerkungen aus der Statler-und-Waldorf-EckeDer vollständige Luhmann-Text liegt hier.

"Der Thermostat steuert aufgrund einer Kopplung von Eingangsdaten und Ausgangsdaten, also aufgrund einer rein systeminternen Sequenz von Informationen. Nur für einen Beobachter bzw. einen Ingenieur sieht es so aus, als ob er die Temperatur eines Raumes kontrolliert. Wäre dies der Fall, könnte man mit gleichem Recht sagen, daß die Temperatur des Raumes den Thermostat kontrolliert, ihn nämlich zum Anstellen oder Abstellen der Heizung veranlaßt. Und damit hätte man wiederum nur ein zirkulär geschlossenes System, das allenfalls durch einen Beobachter asymmetrisiert werden kann. Mit anderen Worten: will man wissen, wer wen kontrolliert, muß man nicht das Kontrollsystem selbst, sondern einen Beobachter beobachten: second order cybernetics."

Selbstverständlich kann man mit gleichem Recht sagen, dass die Temperatur des Raumes den Thermostat kontrolliert. Das ist keine Erkenntnis, auf die nur der konstruktivistisch Geschulte kommen kann, sondern trivialerweise die Eigenschaft jedes Regelkreises.

Die Erlangung einer "Asymmetrisierung" (wer kontrolliert wen) durch einen Beobachter ist nicht notwendig, denn sie ist entweder sinnlos (etwa bei einer Räuber-Beute-Beziehung, bei der man nicht sinnvoll zwischen Regler und Regelstrecke unterscheiden kann) oder konstruktionsbedingt gegeben wie bei der Raumheizung, in der dem Regler die Rolle des Akteurs zugeschrieben wird, weil er für genau diese konstruiert wurde. Dass er gleichzeitig von der Regelstrecke beeinflusst wird, tut seiner Rolle keinen Abbruch; im Gegenteil, wäre dem nicht so, funktionierte er nicht. Wuschige "Alles ist Sache des Standpunktes"-Betrachtungen sind höchstens von belletristischem Interesse.

"... ich unterscheide zu diesem Zwecke terminologisch Steuerung und Kontrolle, obwohl ich in beiden Fällen auf die kybernetische Genealogie und auf englisch 'control' zurückgreife."

Die terminologische Unterscheidung von Steuerung und Regelung ist richtig, denn bei der Steuerung ("open loop") geht es um offene Kausalketten, bei der Regelung ("control") hingegen um geschlossene Regelkreise (und nur letztere sind interessant, wenn wir über dynamische Systeme reden). Leider macht er es im folgenden dann genau falschrum...

"... Bei Steuerung handelt es sich immer um Differenzminderung... um Verringerung eines Unterschiedes."

... aber das nur nebenbei. Bei der Regelung also will man in der Tat eine Differenz vermindern – aber nicht irgendeine, sondern die zwischen Führungsgröße (z. B. Thermostateinstellung) und Regelgröße (Raumtemperatur), siehe hier, das erste BildUnd das sagt er ja auch, wenn auch unötig kompliziert:

"Der Zweck wird dann gedacht als Differenz zu dem Zustand, der eintreten würde, wenn man nichts täte, und das Erreichen des Zwecks verringert eben diese Differenz – im Idealfalle bis auf Null.

Statt das nun mit einem sinnvollen Beispiel zu illustrieren, wird unter scheinbarer Bildhaftmachung dessen, was er nicht meint, nur Irritation betrieben:

"Wir wollen offenbar nicht den Unterschied von wahr und unwahr verringern; auch nicht den Unterschied von Recht und Unrecht; vielleicht sind wir heute dafür, den Unterschied von Mann und Frau zu verringern, aber doch wohl hier und heute nicht den Unterschied von Politologie und Soziologie."

Ab hier läuft er zu Formen auf:

"Es kann nicht gut bezweifelt werden, daß jede Gesellschaft, und gerade die moderne Gesellschaft, auf der Erhaltung, ja Verstärkung von Differenzen beruht und insofern ex definitione nicht gesteuert werden kann."

Siehe oben – es geht bei der Regelung nicht um die Minimierung irgendwelcher Differenzen, sondern ganz bestimmter. Wenn ich dem Autopiloten eines Flugzeuges nach dem Start sage "bring mich auf 10000 Fuß", dann wird sich die Differenz zwischen Bodenniveau und dem des Flugzeuges krass erhöhen, während diejenige zwischen der idealen und der real geflogenen Trajektorie recht sauber minimiert wird. Dass also ein System scharf auf irgendwelche immanenten Differenzmaximierungen ist, hat überhaupt nichts mit seiner Regelbarkeit zu tun – es sei denn, eine der Differenzen ist genau die zwischen Führungs- und Regelgröße. Das ist nun gerade nicht der allgemeine Fall.

Im folgenden setzt er voraus, dass jeder weiß, was der Unterschied zwischen Entropie und Negentropie ist, verwechselt selbst aber "Kontrolle" mit "control". Ist schon den Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg passiert. "We want to control <wasauchimmer>", sagten die Besatzer. Die Deutschen antworteten "Macht doch!" und wunderten sich, dass die Amerikaner bestimmen wollten, keineswegs nur kontrollieren.

Die Absätze über "Zeit als Sinndimension" und "Gegenwart als Differential" habe ich nicht verstanden.

"Während man steuert, also die entsprechenden Operationen aktualisiert, passiert gleichzeitig milliardenfach schon etwas anderes, das man, weil gleichzeitig, weder kennen noch kausal beeinflussen kann."

Dass man in einem Satz so viel durcheinanderschmeißen kann. Gleichzeitig Geschehendes können wir nicht beeinflussen, welche Erkenntnis. Aber natürlich kann der politische "Regler" es kennen, wenn auch zeitversetzt, und diese Totzeit kann sein "Regelalgorithmus" berücksichtigen, ebenso wie diejenige, bis der projektierte Regeleingriff sich auswirkt.

Mit einer hochgestochen formulierten Trivialität geht's weiter:

"Außerdem ist jedes System, das Steuerungsmittel einsetzt, darauf angewiesen, sich selbst und die Umwelt als zeitlich different, als zukünftig different zu denken. Andernfalls würde es erlöschen wie das Auge, das Gott sieht."

Korrekt. Und jeder Tauchsieder kann das. Wenn ich bei 17 Grad Zimmertemperatur den Thermostaten auf 21 Grad stelle, denke ich mir das System in der Tat als zukünftig different. Wenn wir an Steuergesetzen schrauben, haben wir ebenfalls ein Ergebnis vor Augen.

Von Handlungstheorie weiß ich zu wenig, überspringe also sein Rumhacken darauf. Stattdessen nun, wie bei einem guten Feuerwerk, der größte Knaller:

"Eine letzte Überlegung schließlich, die sich im Zuge von neueren Entwicklungen der Systemtheorie aufdrängt, greift nochmals darauf zurück, daß Systeme aus Operationen, das heißt aus Ereignissen bestehen. Im üblichen Steuerungskonzept denkt man nur an die Änderung der Bedingungen künftigen Handelns, also der Strukturen, der Programme, der Parameter. Man müßte zusätzlich mehr auf die Einführung dieser Änderungen achten, das heißt: auf Steuerung als Ereignis." (Hervorhebungen wie im Original.)

Wow! Das drängt sich im Zuge von neueren Entwicklungen der Systemtheorie auf? In der, die ich im letzten Jahrtausend gehört habe, ging es zugegebenermaßen nicht um politische Systeme, aber schon um z. B. ökologische. Und dort fängt man die durchaus bekannte und berechenbare Systemreaktion auf Einführung der Änderungen mit dem sogenannten D-Anteil des Regelalgorithmus ab; der Trick war schon 1989 seit ein paar Jahrzehnten bekannt.

So weit der Schrieb von damals. Ich will weder Luhmann allgemein was am Zeuge flicken noch mir irgendwelche auch nur marginalen Kompetenzen auf seinem Gebiet anmaßen, aber oben hat er sich auf meines gewagt, bläst dort Banales zum Bahnbrechenden auf, und diese lokale Inkarnation des Kaisers ist nackt.