Keyen

Leitfaden für das Keyen von Sacred-Harp-Liedern (nach Ian Quinn).

Musiker müssen hier stark sein.

1. Grundton und Tonart stehen auf jeder Seite im Buch oben links über den Noten.

Vorzeichen vernachlässigen – "As" ist dasselbe  wie "A".

Die häufigsten Keys sind F-Dur (dasselbe wie E-Moll) und A (Dur = Moll).

2. Faustregel: Einen bis anderthalb Töne tiefer keyen als geschrieben.

Die "Roboter" auf dieser Website singen "wie geschrieben", also mit wenigen Ausnahmen (von denen weiter unten einige aufgezählt sind) zu hoch. Die Faustregel stimmt oft, aber nicht immer. Empfohlen wird, sich selbst mit Aufnahmen von Singings (YouTube) abzugleichen. 

3. Sing die Anfangstöne mit Selbstvertrauen und kraftvoller Stimme.

Entschlossenes Singen der Töne hilft erstens, ihre Höhe einzuschätzen. Zaghaft und leise gesungene Töne fühlen sich höher an, als sie sind und man landet beim Keyen zu tief. Zweitens ist es ein Vorbild für die Gruppe, ihrerseits kraftvoll einzustimmen.

Wenn andere in der Gruppe Töne vor sich hinsummen, mögen sie damit aufhören. Es ist schon ohne Ablenkung schwer genug, den richtigen Ton aus der Luft zu greifen. Keyen ist eine fragile Kunst; die wenigsten Keyer sind Absoluthörer, die locker ihren Ton wiederfinden.

4. Höre auf den Klang beim Singen der Shapes und zögere nicht, zu korrigieren.

Wichtig sind die hohen Töne in Tenor und Treble. Sie sollten hoch genug sein, um hervorzustechen, aber sie sollten nicht "quietschen".

Nicht zu sehr um Bässe und Altos kümmern, auch wenn sie sich beschweren; ihre Melodien sind oft seltsam geschrieben.

Besonders bei kleinen Singings und wenn der Keyer noch unsicher ist, ist es besser, Fehler zu korrigieren, anstatt nach dem ersten Versuch mit "Augen zu und durch" einfach weiterzumachen. Nach den Shapes anhalten, neu keyen, hinhören. Man lernt durch das Hören. Und man kann die Gruppe fragen. "Ging das mit der Höhe" ist dabei besser als "wie war ich". Ein guter Keyer ist "unsichtbar", er fällt nicht auf.

5. Gib keine Töne an, die nicht im ersten Akkord stehen.

Oft besteht der erste Akkord nur aus der ersten Stufe, der ersten und dritten oder der ersten und fünften. In diesen Fällen nicht den ganzen Dreiklang absingen.

Ausnahme von der Regel: Der erste Akkord enthält nicht den Grundton. Dann singt man den Grundton als ersten.

6. Gib alle Töne an, die im ersten Akkord stehen.

Die meisten Keyer beginnen mit dem Grundton und enden mit dem ersten Ton der Tenöre. Manchmal wird dabei der Alt vernachlässigt. Altistinnen sind oft von einer zurückhaltenden Selbständigkeit und finden ihren Ton allein, aber nicht immer. Sie sollten ihn bekommen.

Männer sollten den Altos den Ton in der Männerlage angeben, eine Oktave unterhalb der Frauenstimme also. Die Mädels werden sonst irritiert. Gleichermaßen sollte ein weiblicher Keyer nicht versuchen, den Ton für die Bässe in der Männerlage zu treffen, sondern in der Oktave darüber bleiben.

7. Zaubertricks

Wie man überhaupt ohne Stimmgabel und absolutes Gehör Töne errät, kann offenbar niemand wirklich sagen. Manche benutzen für alle Tonarten jeweils ein Referenz-Lied, das sie "memorieren" können, und übertragen dessen Grundton auf das Lied, das gerade gesungen werden soll. Hier ein paar Beispiele:

F-Dur – 31887;
H-Dur –155;
E-Dur – 358;
D-Dur – 327;
A-Moll – 300;
C-Moll – 442;
D-Moll – 455;
E-Moll – 106.

(Ja, "E-Dur". Haben wir schon gesagt, dass Musiker stark sein müssen? You have entered Sacred Harp territory.)

Andere testen den höchsten oder tiefsten Ton aus, den sie singen können; sie wissen, welcher das ist und leiten den Grundton des aufgerufenen Liedes von diesem ab. Manche Trebles und Tenöre wiederum suchen den höchsten Ton im Lied und gehen von dort aus abwärts. Das scheint beides zu funktionieren (und weibliche Keyer piepen dabei zum Vergnügen aller), aber es setzt die Gruppe einer ganzen Palette von Tönen aus und der Keyer muss klar machen, eventuell durch Lauterwerden, welche die eigentlichen Anfangstöne sind. Das geht, wie hier demonstriert.

Wieder andere "merken" sich einen einzigen Ton. Wer so tickt, für den ist sind E (Moll) und F (Dur) gut geeignet; wie oben erwähnt, sind sie für den Hausgebrauch derselbe Ton, und der deckt schon einen Großteil der Lieder in der Sacred Harp direkt ab. Zu anderen Grundtönen wird dann von diesem einen Ton aus "hingezählt":

Lied in C? Zwei Töne (große Terz) runter.
Lied in D? Einen Ton runter.
Lied in E oder F? Da sind wir schon.
Lied in G? Anderthalb Töne (kleine Terz) rauf.
Lied in A? Quarte ("Ta-Tü") rauf.
Lied in H? Das A finden und ein bisschen rauf; Erfahrung sammeln, wie weit.

Bei dieser Methode scheint Muskelgedächtnis eine Rolle zu spielen. Je öfter man in die Not kommt, keyen zu müssen, umso besser verankert sich der Referenzton. Am Anfang muss man ihn erst aus dem eigenen Munde hören und eventuell korrigieren; später "wissen" die Stimmbandmuskeln, was sie tun müssen.

Aber solange alle obigen Ratschläge böhmische Dörfer sind, spricht nichts dagegen, eine Stimmpfeife oder ähnliches zu benutzen. Dabei darf man nur nicht vergessen, dass Sacred Harp praktisch nie "wie geschrieben" gesungen wird, sondern generell tiefer. Und mit der Zeit sollte der Keyer versuchen, sich von dem Hilfsmittel zu emanzipieren. Nur Mut!

8. Seltsame erste Akkorde

57 und 414 – Dur mit Fa-1, La-3, La-6
35 und 410b – das gleiche, aber mit La-6 unterhalb des Fa
378b und 399b – Moll, das mit relativem Dur beginnt; als erstes den Grundton singen.

9. Ausnahme-Lieder, ohne Anspruch auf Vollständigkeit

Basis für "höher" oder "tiefer" oder Tonhöhen-Angaben ist jeweils die Sacred-Harp-Tonhöhe, nicht die geschriebene. (Anmerkung – Liste nach Ian Quinn. Unsere Gruppe hat noch nicht alle getestet.):

47b – nicht zu hoch
49b – rauf bis zum A; die Trebles packen das
79 – ein hübsches, hohes F
87 – G
99 – ein halber Ton rauf
105 – G
107 – H
144 – funktioniert in A, kann aber ein bisschen höher
147 – beide erheblich höher; 147t in E, 147b in einem hohen D
148 – H
162 – runter auf ein hohes F, es sei denn, die Gruppe ist "aufgewärmt"
178, 179, 180, 181, 182 – sie haben alle keinen Platz nach oben
186 – rauf bis zum E oder sogar einem tiefen F
212 – viel zu hoch; runter bis zum H
282 – ein Ton runter
288 – hübsches tiefes E
290 – nicht höher als A, oder die Trebles bringen den Keyer um
299 – rauf bis zum F, wenn die Gruppe in Fahrt ist
312t – ganz rauf bis zum G; doch, wirklich!
342 – höchstens tiefes G, für die vielen hohen Noten
362 – einen Tick runter
384 – nur in E, wenn die Gruppe in Schwung ist, sonst D
390 – näher am A
414 – runter bis zum tiefen F oder sogar E bei erschöpfter Gruppe
436 – hat ein bisschen Platz nach oben
448b – ein bisschen runter
452 – in A, sonst stirbt man vor Langeweile
474 und 475 – beide einen Ton rauf
507 – in D, besonders, wenn die Shapes gesungen werden
535 – rauf bis zum F oder gar G
551 – G